Interview mit Yvon Le Maho

18 September 2018
 

Yvon Le Maho, Ökophysiologe, emeritierter Forschungsdirektor am Institut Pluridisciplinaire Hubert Curien/CNRS an der Universität Straßburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, wird am 3. Oktober im Rahmen der „Woche des Feldhamsters“ eine Konferenz über die große Herausforderung abhalten, welche die Biodiversität darstellt.

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Yvon Le Maho, Ökophysiologe, emeritierter Forschungsdirektor am Institut Pluridisciplinaire Hubert Curien/CNRS an der Universität Straßburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Biodiversität und warum ist es wichtig, sie zu bewahren?

Die Biodiversität ist nicht nur eine Ansammlung von Spezies, sondern ein Ensemble an Interaktionen. Wenn ein Gleichgewicht herrscht, ist der Nutzen, den wir daraus ziehen,  nicht immer offensichtlich. Erst wenn es nicht mehr vorhanden ist, beginnt man zu verstehen, welche Rolle dieses oder jenes Element des Ökosystems spielt. Zum Beispiel mussten wiederholt Überschwemmungen auftreten, bevor man erkannt hat, dass Feuchtgebiete keine gesundheitsgefährdenden Zonen sind, sondern dass sie in Zeiten hoher Niederschlagsmengen eine Pufferrolle spielen und dass die Beseitigung dieser Zonen schwerwiegende Folgen hat.

Die Biodiversität tut uns unermesslich viel Gutes. Die landwirtschaftliche Produktion hängt sehr eng mit der mikrobiellen Vielfalt in den Böden zusammen, mit der Widerstandsfähigkeit der angebauten Sorten gegen Schädlinge und gegen die Unwägbarkeiten des Wetters, mit der Robustheit der Bestäuber-Populationen. Die Fischerei beruht auf der Intaktheit der Wasser-Ökosysteme. Die Versorgung mit gutem Wasser hängt in weiten Teilen von der Biodiversität ab, von der Aufnahmefähigkeit der kultivierten Böden und der Bemühungen, Verunreinigung zu begrenzen bis zum Funktionieren mikrobieller Ökosysteme, die unsere Kläranlagen darstellen. Hinzu kommen zahlreiche Regulierungsvorgänge. Feuchtgebiete schützen gegen Überschwemmungen, Wald schützt gegen Erosion, Pflanzen bringen Erfrischung in städtische Gebiete. Wir dürfen auch die Milderung der Auswirkungen des Klimawandels durch diversifizierte Ökosysteme nicht vergessen, die widerstandsfähiger sind gegen den Temperaturanstieg und Extremwetterereignisse. Die Biodiversität stellt also einen Schutz gegen die zu erwartenden (und meist unterschätzten) Auswirkungen des Klimawandels dar. Sie ist außerdem eine bedeutende Quelle biomedizinischer Innovation, denn 70% unserer Medikamente basieren auf pflanzlichen Molekülen.

Wir haben es in einer Kolumne in der Zeitung „Le Monde“ kürzlich so beschrieben: Der Zerfall der Biodiversität betrifft uns alle, denn sie ist keine Briefmarkensammlung, sondern das Gewebe des Lebens, von dem wir ein Teil sind.

 

Müssen vom Aussterben bedrohte Arten geschützt werden und, wenn ja, wie macht man das am besten?

Seit ihren Ursprüngen beuten menschliche Gesellschaften auf vielerlei Arten ihre physische und biologische Umwelt aus und verändern sie. Der aktuelle Rückgang der Biodiversität spiegelt in weiten Teilen die direkten Auswirkungen menschlichen Tuns wider, so z. B. die Zerstörung, Veränderung und Zersplitterung von Lebensräumen durch Landwirtschaft, Abholzung und Verstädterung, die Ausbeutung der Arten auf den Kontinenten und in den Ozeanen und die Vermehrung invasiver Arten. Seit vielen Jahrzehnten tragen wir zum Verschwinden zahlreicher Arten bei. Im Elsass ist zum Beispiel das Verschwinden des Feldhamsters ein Indikator für die Qualität des Lebensraums. Es bringt nichts, einzelne Tiere freizusetzen, wenn der Habitat nicht passend ist.

Zu allererst muss der Lebensraum wiederhergestellt werden, denn diese Art von Spezies, auch Wächter- oder Regenschirm-Spezies genannt, weist uns durch ihr Verschwinden darauf hin, dass ein ganzes Ökosystem verschwindet.

Die Ungleichgewichte haben auch Auswirkungen auf die Tätigkeiten der Menschen. Das Verschwinden der Biodiversität auf den Feldern weist auf eine schlechte Bodenqualität hin. Man sollte die damit verbundenen Kosten einmal beziffern, um die Landwirtschaft besser für dieses Problem zu sensibilisieren.

Was die Waldwirtschaft betrifft, so ist das Einkommen im Elsass um etwa 20% gesunken. Eine Erklärung dafür ist die zu hohe Anzahl von Rotwild, welches die natürliche Regeneration des Waldes verhindert. Es gibt keine großen Raubtiere mehr!

Die Biodiversität ist ein komplexes und fragiles Gebilde. Wir müssen weiterhin Untersuchungen durchführen, um sie besser zu verstehen und zu schützen. Es mag wie Panikmache klingen, aber es muss gesagt werden: Die Biodiversität zu erhalten bedeutet auch, die Menschheit zu erhalten.

 

 

Jeder sollte deshalb besorgt sein.

Konferenz „Der Erhalt der Biodiversität – eine große Herausforderung im Elsass“
3. Oktober, 18.30 Uhr
Auditorium der Bibliothèque Nationale et Universitaire (BNU) Strasbourg
Die Anzahl der Sitzplätze ist begrenzt.

 

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